Von Hunden und Menschen – Koblenzer Tierheimleiterin im Röhrig Kulturforum in Treis-Karden

Rico – mehr als ein Tierheimhund

Jahre lang war der große, schwarze Schnauzer-Rotteweiler-Mischlingsrüde Rico mit dem zunehmend weißen Bart im Koblenzer Tierheim. Er lebt bis zu seinem Tod im letzten Jahr im Tierheim, denn er war unvermittelbar, weil unberechenbar. Aber er hat im Tierheim dennoch viele Freunde gefunden. Und noch viel mehr im Internet. Denn Rico hatte eine eigene Facebook-Seite . Er war der Herzenshund der Koblenzer Tierheimleiterin Kirstin Höfer. Sie kam an Rico ran, hat ihn ins Herz geschlossen und regelmäßig aus seiner Sicht auf Facebook “Sandmännchen-Geschichten” gepostet.

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So wurde Rico schnell ein “Netz-Star” und seine Geschichten wurden gerne gelesen. Denn Kirstin Höfer hat  mit viel Humor den Alltag von Rico als Tierheimhund beschrieben: “Chefsachen – ein Leben als Schattenhund im Tierheim.”

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“Chefsachen” deshalb, weil sich Rico keineswegs als übrig gebliebenen Tierheimhund empfindet. Er fühlt sich als eigentlicher Chef der Einrichtung. Alle anderen sieht er mehr oder weniger als sein Personal an. Zumindest die Menschen. Die anderen Hunde sind für ihn nur störendes Beiwerk. Rico weiß wie die Menschen ticken, und darüber philosophiert er auch gerne mal. Denn er bekommt ja jede Menge mit. Er weiß, warum die Tiere hier landen, was mit ihren Menschen falsch gelaufen ist, und was besser laufen müsste. Vor allem weiß er aber wie „Sie“ tickt. “Sie” ist Kirstin Höfer, die Tierheimleiterin. Die hat der Rico ganz gut im Griff, glaubt er zumindest. Und so schildert er rotzfrech und humorvoll sein Leben mit ihr, den anderen Tierheimmitarbeitern, den Besuchern, die Tierheimhunde gucken kommen, dem Briefträger und den anderen Bewohnern seiner Zwangs-WG.

Zwei von Ricos Geschichten

Maulwurf Kinder und Alzheimer Tobi

Leute ich bin bedient, echt. Ich mach ja viel mit , aber jetzt reicht’s mal.
So ein Theater gestern Abend. Schießt Sie rein schmeißt mir einen, in Worten: E I N E N Keks rein und nuschelt: “Hab’ keine Zeit, Mira kriegt Ihre Kinder .“
Prima, Mira kriegt Kinder und was krieg ich? Einen Keks .
Schlafe schmollend ein.
Heute Morgen wieder Riesentheater um Mira und die Kinder. Sie fragt mich: „Willste die mal sehen?“
Nein, will ich nicht.
Sabine bringt mich dann in den Auslauf aber nicht nur das. Sabine bringt dann noch Tobi mit.
Tobi, das ist die neue Geheimwaffe. Tobi ist ein Pudel, schon mal an sich peinlich mit so einem gesehen zu werden. Tobi ist 14 Jahre alt, Tobi ist dement, Tobi ist unfreundlich, Tobi ist laut, Tobi stinkt …… er ist eine Zumutung.
Ich starre das fette (ja er ist auch noch fett) gelockte Ding an.
Mich schaudert, dieser Tobi redet ununterbrochen in einer ohrenbetäubenden Lautstärke. Versteht kein Mensch was der da brüllt. So was wie „ ICH WILL ABGEHOLT WERDEN , ICH WILL HIER WEG UND SOFORT ESSEN HABEN UND EIN KISSEN.
Ich bin fassungslos, starre ihn an und sage: Kannst Du auch mal die Fresse halten? Tobi guckt und hält die Fresse für ne halbe Minute – na ja, ein Anfang.
Dann kommt Sie und holt mich, aber sie nimmt das demente Lockending auch mit.
Megapeinlich, ich und der demente Lockenklops gehen über den Hof.
Kriegt der einen gute-Laune-Schub und pufft mich in die Seite:„ WIR GEHEN SPAZIEREN. TOLL, GELL?“
Hey, schrei doch nicht so. Der hat ja auch noch Maulgeruch, da kannste einen mit einschläfern.
Wir gehen eine Runde, der Lockenfrosch hat Spaß, ich nicht. Aber wen kümmert’s?
Sie bringt uns dann beide in die Bude. Ich penne ein. Frustschlaf.
Abends kommt Sie, „Komm quatschen.“
Wir gehen raus, ich gucke Sie an: Machst Du dem Stinkklops die Locken?
„Rico das ist ein Pudel, der hat so ne Frisur von Natur aus.“
Arme Socke, wenn man so aussehen muss von Natur aus.
„Rico, jetzt pass auf, jetzt zeige ich dir Miras Babys.
Wir gehen zu Miras Katzenzimmer, gucken durch die Scheibe.
Da sehe ich Mira auf der Seite liegen wie tot. Vor ihr ein Haufen …. hm … ein Haufen.
WAS ist das? „Das sind die Babys,“ flüstert Sie. „Süß oder?“
Süß? Ich bin erschüttert, die sehen aus wie Maulwürfe, wie kaputte Maulwürfe. Ob Mira mit einem…… ?? Nein, das kann nicht sein.
Ich starre auf den Haufen, die können nicht laufen und haben keine Augen, aber schreien wie doof. ich bin erschüttert. Sie scheint das gar nicht zu begreifen, findet die süß und sagt: „ Denen kannste dann alles beibringen.“
Hä? Was soll ich den kaputten Maulwürfen beibringen?
Gucke weiter in das Zimmer, Mira scheint auch sehr enttäuscht zu sein von Ihren Bälgern, sie hat die Augen zu. Sicher vor Erschütterung.
Sie bringt mich in die Butze.
Kriege noch einen Pansen. „So klein warst Du auch mal“, sagt Sie.
Ich reiße den Kopf hoch und gucke Sie an. Das ist ja wohl die Höhe, mich mit den Maulwürfen zu vergleichen.
„Nacht, Rico.“
Nacht ….. murmele ich, lege mich nach draußen und bin maximal gefrustet, Mira gestraft mit 10 behinderten Maulwürfen und ich muss einen stinkenden, lockigen Schreihals beaufsichtigen.
Das Leben zeigt mir gerade sein grausiges Gesicht ….

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Betrügereien , Hintermänner und Frauen

So Leute, ich hab’s herausgefunden, ich habe jetzt Beweise. Hier in unserem Tierheim finden schlimme Dinge statt. Schiebereien, Betrügereien, und alle lügen!!!
Heute Morgen bevor einer von uns nach draußen kam, trägt Sie einen Napf an mir vorbei. Ich presse mein linkes Auge ans Gitter um zu sehen wer denn jetzt um diese Zeit Mittagessen kriegt.
Es ist Pepper …. der ” Hoho aus dem Weg Fremder“, der alte fast blinde Lurchi.
Das beobachte ich jetzt schon seit Tagen, dass der so ca. 18 Mal am Tag Mittagessen kriegt auch wenn gar kein Mittag ist.
Als ich endlich geholt werde, bringt Sie mich in den Auslauf, unsere Bücherei sozusagen. Der rote Wahnsinnige ist schon da und hat sich warm gequasselt.
Wie immer kommt er von ganz hinten angestürmt und quasselt los:
„Hastegesehenrolliundkimbasindnebenankommlassunsbrüllen.“
Ich stelle mich ihm in den Weg und blocke ihn mit der Tüte im vollen Lauf ab. Struppi überschlägt sich einmal und steht stumm (tatsächlich) da .
Wie oft am Tag kriegst du Mittagessen, frage ich ihn.
“Ähm … ich weiß nicht. Einmal oder so,” stottert der. Endlich mal quasselt der nicht, siehste, dem muss man nur mal eine auf die 12 hauen und schon kann der normal reden.
Ich gucke die Flitzpiepe scharf an. „Und wie oft kriegt Pepper Mittag Essen?”
Struppi sitzt nämlich in seiner Nähe sozusagen im Südgang.
“Der ? Derkriegt134malamtagmittagessen,“ quasselt der Idiot schon wieder und kichert auch noch blöde. Außerdem kriegt der extra Essen, ganz teures, das wird dem gebracht von Menschen die nicht hier arbeiten. Struppi begreift nicht was ich hier gerade aufdecke.
Dieser rote Wurm ist widerlich fröhlich, ich beobachte ihn und überlege wie ich ihm die Laune versemmeln könnte.
Hey Depp, rufe ich ihm zu, weißt du eigentlich, dass deine Anja den Pepper immer im Auto mitnimmt?
“Das lügst du,” brüllt Struppi zurück. Ich lüge nie, du Affenhintern. Struppi guckt intensiv in ein schon längst verwaistes Mauseloch, ich glaube er heult gleich.
“Aber es ist doch meine Anja,“ flüstert er. Ich gehe zum Kaninchenloch und lasse ihn stehen. Jetzt geht es mir besser irgendwie.
Nach dem Essen langweile ich mich, es ist Samstag kein Lutz kein Onkel Strauch nur Guck-Leute, die mich nerven, öde.
Dann kommt Sie und holt mich, was wohl jetzt los ist? Au Mist, wir gehen in die Küche, was wieder mal Ohrenfummelei bedeutet.
Sie tupft und murmelt: “Dein linkes Ohr gefällt mir noch nicht ( deins is aber auch doof) aber das wird noch.”
Ich lasse Sie tupfen, es tut gar nicht weh es ist nur lästig das ewige Rumgenestel an mir. Da fällt mein Blick auf ein Päckchen auf dem Tisch. Guck was drauf steht: Apollo!!!! Auch er hat also einen Hintermann, der ihm heimlich Ware, d.h. Mittagessen rein schmuggelt.
Zwar hat er nur ein dummes Gummihuhn gekriegt aber trotzdem er hat ein Päckchen. Ich dachte ja bisher, nur ich kriege die regelmäßig.
Ein Gumihuhn … Apollo ist echt ein Vollbaby, ein dummes, dummes Gummihuhn.
Hoffentlich treffe ich ihn demnächst dann könnte ich ihn anbrüllen: “GUMMIHUHN- DEPP“.
Meine Laune wird besser und Sie bringt mich in meine Bude .
Ich döse ein bisschen.
Sie kommt zu mir: ” Guck mal Rico heute habe ich ein kleines Schweineöhrchen, das kannste trotz Tüte fressen.” (her mit dem Öhrchen dalli )
Ich mampfe das Ding, schmeckt echt gut, ich muss aber aufpassen, wenn das Ding mir in die Tüte reinfällt ist Ende, dann krieg ich es nicht mehr ins Maul. Schmeckt schweinegut. Ich bin wieder gut drauf. Ist eine echte Glücksdroge das Öhrchen.
Ich mampfe das Öhrchen und passe auf, dass mir das nicht in die Tüte abschmiert. Dann schlucke ich es runter …. alle …. war echt nur ein Öhrchen .
Ich denke an die blinden Lurchis, die 234 Mal am Tag Mittag Essen kriegen. Das Leben ist nicht fair.

Chefsachen – Rico, ein Leben als Schattenhund gibt es hier bei Amazon zu kaufen.

Die Rico-Geschichten live erleben am 7.10.2016

Kirstin Höfer und ihr Ricogeschichten können Sie aber auch Live erleben. Im Röhrig-Kulturforum in Treis-Karden stellt “Sie” die Geschichten zusammen mit der Hörfunk- und Fernsehporterin Katrin Hoffmann vor, die mit ihrem komischen Talent aus dem Buch liest und sicherlich ganz vortrefflich den Rico gibt.  Kirstin Höfer erzählt von ihrem Tierheimalltag und beantwortet sicher auch gerne Fragen von Hundebesitzern. Das wird bestimmt ein sehr lustiger Abend unter Tierfreunden. Yvonne Röhrig hat diese Veranstaltung außerplanmäßig ins Programm der außergewöhnlichen Baumarkt-Kulturbühne genommen, weil sie ein Herz für Tierheimtiere hat. Sie hat selbst einem Straßenhund aus Rumänien eine neue, bessere Heimat an der Mosel gegeben.

Der Eintritt kostet nur fünf Euro. Geld, das dem Tierheim Koblenz zugute kommt. Hier geht es zum Röhrig Forum, wo die Karten bestellt werden können.

 

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