Mein Lesetipp: “Der Sommer, der alles veränderte” von Ernst Heimes

“Der Sommer, der alles veränderte” von Ernst Heimes

Die Sitzprobe im Fiat 500, die wird mir wohl immer in Erinnerung bleiben. Eine Szene, die der Löfer Autor Ernst Heimes in seinem neuen Roman “Der Sommer, der alles veränderte” beschreibt. Ich erinnere mich daran, dass ich in meiner Jugend zusammen mit meiner Clique tatsächlich einmal versucht habe, möglichst viele Leute in einem Fiat unterzubringen. Ich glaube, es handelte sich um einen Rekordversuch. Im Fall von Ernst Heimes ist das was anderes. Da wird “Testgesessen”, weil sich drei junge Leute von der Mosel auf ihren Urlaub in Frankreich vorbereiten. Und da muss ausprobiert werden, wer am besten wo sitzt, denn kein Millimeter Raum darf verschenkt werden.

Cover Der Sommer, der alles veränderte

Die Freunde starten von Cochem aus.  Ako, die Hauptfigur des Romans, hat in Büchel seine Ausbildung zum Flugzeugmechaniker bei der Bundeswehr gemacht.  Immer wieder muss ich während des Lesens das Titelbild studieren. Ich finde es zu schön. Und natürlich will ich wissen: ist der, der am Steuer des Fiat 500 sitzt tatsächlich der Autor? Er ist es, hat mir Ernst Heimes verraten. Auch sonst komme immer mal wieder etwas Autobiographisches durch.

Zum Beispiel seine Flugzeugmechanikerlehre in Büchel. Aber das Meiste sei frei erfunden. In dem Roman geht es darum, dass drei junge Leute nach Frankreich in die Ferien fahren. Es ist die “Make-Love-not-War-Zeit”, eine Zeit, in der man so manches ausprobiert. Drogen zum Beispiel und die freie Liebe. Alle um die zwanzig, wollen sie aus der Enge des Moseltales raus, schauen was geht. Ako, der so gerne malt und viel lieber das zu seinem Beruf machen sollte, als Flugzeuge zu reparieren, die für den Krieg eingesetzt werden, möchte sehen, wo sein künstlerisches Vorbild, der Maler Paul Gauguin in der Bretagne gelebt hat. Linda will im Atlantik baden und Eddi möchte das Leben in einer Kommune kennenlernen. Schließlich landet er aber im Gefängnis. Er muss beweisen, dass er kein Mörder ist.  Aber es geht in diesem Roman nicht nur um die drei jungen Leute, sondern auch um deutsch-französische Geschichte. Denn Ernst Heimes wäre nicht Ernst Heimes, wenn er nicht auch in diesem Roman ein Stück Vergangenheitsbewältigung mit eingeflochten hätte.

Ernst Heimes
Der Autor Ernst Heimes aus Löf an der Mosel

Den jungen Leuten schlägt in Frankreich nämlich – für sie völlig unerwartet – nicht nur Sympathie entgegen. Unvergessen ist dort vor allem bei der älteren Generation der Einmarsch der Deutschen und ihre Verbrechen, die selbst vor so kleinen Ortschaften wie Maillé nicht haltgemacht haben. Das bekommen Ako, Linda und Eddy zu spüren.  Die Verbrechen deutscher Besatzer an der Zivilbevölkerung von Maillé – das ist  Geschichte, die weh tut.  Die “Leichtigkeit des Seins” erweist sich für die jungen Leute als Trugbild. Sie werden mit Realtitäten konfrontiert, die sie prägen werden. “Der Sommer, der alles veränderte” spiegelt das Lebensgefühl einer ganzen Generation wider. Ein Entwicklungsroman im besten Sinne, der sich sehr gut lesen lässt und sicherlich bei den um die 60jährigen so manche Erinnerung an die eigene Jugend  und die eigenen Erfahrungen aufkommen lässt. Ein Hauch von Woodstock, Hasch, billigem Rotwein, Liebe  und Jugendrevolte  hängt in der Luft. Hier ein Ausschnitt von Ernst Heimes selbst gelesen:

“Auch die Grenzen, die uns Lehrer und Erzieher, auch die Eltern, die Kirche und die Menschen in den Dörfern und Kleinstädten, aus denen wir stammten, in unseren Köpfen zementiert hatten, schienen erste Risse zu bekommen. Wie weit waren plötzlich die Nester unserer Herkunft, Kanaul und Cochem, von uns entfernt! Kaum, dass wir von dort aufgebrochen waren, schienen sie weit, weit hinter uns zu liegen. Vieles, das uns bedrückt hatte, die Auseinandersetzungen mit dem Vietnamfilm, Hottes “Wiegenlied vom Totschlag”, seine flapsige Bemerkung und die  Diskussion, die sich mit Linda daran entzündet hatte. Und meine Flugzeugmechanikerlehre! Gott im Himmel, ich lernte Flugzeugmechaniker innerhalb gut bewachter Zäune aus NATO-Stacheldraht! Flugzeugmechaniker, ausgerechnet auf einem Militärstützpunkt! Dabei trug ich eine Lederschnur mit dem Peace-Zeichen als Anhänger um den Hals. Und das nicht erst seit gestern.”

“Die Moseltalbrücke” von Ernst Heimes

Cover Moseltalbrücke

Wer beim Lesen von “Ein Sommer, der alles veränderte” Spaß am Schreibstil von Ernst Heimes gefunden hat, der wird danach sicher noch mehr von ihm lesen wollen. Den Moselfreunden sei an dieser Stelle besonders die “Moseltalbrücke” empfohlen. Dieser Roman ist schon vor sieben Jahren erschienen, wurde aber erst in diesem Jahr noch einmal neu aufgelegt. In “Moseltalbrücke” werden Sie die Hauptfigur Ako aus “Der Sommer, der alles veränderte” wieder treffen. Interessanterweise ist es der alte Ako. Heimes hat ihm in seinem neuen Roman eine Verjüngungskur verpasst, hat ihn sozusagen zurückentwickelt. Der etwa fünzigjährige Ako gerät in einen mysteriösen Mordfall. Ein Freund wird tot unter der Moseltalbrücke bei Winningen aufgefunden. Alles deutet auf Selbstmord hin, aber Ako glaubt nicht daran und beginnt auf eigene Faust zu recherchieren. Auch in diesem Roman von Ernst Heimes wird es wieder politisch. Heimes führt uns nach Kroatien und macht uns mit der rechtsradikalen Ustascha bekannt, die sicherlich  den meisten von uns nicht viel sagt. “Die Ustascha, die kroatische Bewegung , die nach der Zerschlagung Jugoslawiens durch Hitler-Deutschland eine faschistische Kolonie auf dem Balkan errichtete”, wie Heimes in “Moseltalbrücke” schreibt. Waffenhandel, Moral, Schuld und Sühne, aber auch eine handfeste Liebesbeziehung – das sind die Themen dieses abenteuerlichen Romans. Er ist sehr spannend und unterhaltsam zu lesen, und auch hier gibt es wieder jede Menge Lokalkolorit: Mosel, Hunsrück und die Stadt Koblenz sind neben Kroatien Schauplatz der Geschichte.

Beide Romane sind im Verlag Brandes & Apsel erschienen. Sie sind im Buchhandel erhältlich und können vorzugsweise beim Autor selbst in seiner Buchhandlung in der Koblenzer Altstadt gekauft werden. Sicher gibt es dort dann auch gleich noch eine Widmung dazu. Die Bücher können aber auch online versandkostenfrei gekauft werden (ja, was Amazon kann, können unsere heimischen Buchhändler auch) : http://www.buchhandlung-heimes.de/

Ernst Heimes: “Der Sommer, der alles veränderte”, 19,90 Euro

Ernst Heimes: “Moseltalbrücke”, 19,90 Euro

Wer Ernst Heimes live erleben möchte, der hat am 23. September Gelegenheit zu tun. Da tritt er auf Einladung der Kulturinitiative Maifeld im Evangelischen Gemeindezentrum in Polch zusammen mit seinem Bruder Manfred (Gitarre) mit einer szenischen Lesung auf. Beginn 19:30 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Schreibe einen Kommentar