Lesenswert – „Der Grund“ – Roman von Anne von Canal

„Der Grund“ – das Buch:

„Der Grund“ ist das literarische Debüt von Anne von Canal. Es geht um die Frage, wie oft ein Mensch neu von vorne beginnen kann.  Das ist spannend und und ganz wunderbar geschrieben.

Der schwedische Arztsohn Laurits Simonsen spielt leidenschaftlich gerne Klavier. Er übt, bis ihm fast die Finger bluten und hat nur ein Ziel: er will Konzertpianist werden. Doch dazu kommt es nicht, er wird Arzt wie sein dominanter Vater. Erst sehr viel später erfährt Laurits wer seinen Lebenstraum zerstört hat. Eine Erkenntnis, an der er fast zerbricht. Der Roman ist in Rückblicken geschrieben. So lernt der Leser Laurits zunächst als abgewrackten Klavierspieler auf einem Kreuzfahrtschiff kennen. Erst nach und nach erfährt er, wie der Mann, der sich jetzt Lawrence Alexander nennt, zu dem wurde, der er ist: ein Mann, der seiner Vergangenheit entfliehen möchte. Der Untergang der Ostseefähre Estonia im Jahr 1994 mit 850 Toten bildet die Klammer des Romans. Was der Untergang der Fähre mit dem Leben der Hauptfigur Laurits Simonsen zu tun hat, stellt sich erst am Ende des Buches heraus, macht es aber von Anfang an sehr spannend.  Denn der Leser ahnt, dass es zu einer Katastrophe kommen wird.

Titelbild Der Grund rororo

In vielen schönen Bildern, sprachlich oft brillant und trotzdem leicht lesbar, erzählt Anne von Canal diese Geschichte vom Untergehen und Weiterleben ihrer Romanfigur. Hier eine Passage, die ich gerne zitiere, wenn ich meinen Freunden von dem  Buch vorschwärme: „Wenn rundherum kein Land zu sehen und die Wasseroberfläche eine dunkelgraue Wüste ist, kommt es mir manchmal so vor, als würde sich das Schiff nicht bewegen. Als stünde alles still. Wir, die Welt, der Augenblick. Für immer. So ähnlich müssen sich Raumfahrer in der schwarzen Schwerelosigkeit fühlen. Aber in Wahrheit pflügt das Schiff durch die Zeit, der Bug ist schon Zukunft, das Heck längst Vergangenheit. Es gibt nur eine Richtung und kein Zurück. Voraus ist immer noch Zukunft. Achtern nie. Wer sich umdreht erstarrt zur Salzsäule. Vor Schreck. Vor Schmerz. Das war schon zu Lots Zeiten nicht anders. Warum sollte man also zurückschauen?“

Von der Elbe an der Mosel – die Autorin Anne von Canal

Anne von Canal

Bevor ich Anne von Canal kennen lernte, habe ich ihren Mann Wolfgang zur bevorstehenden Weinlese interviewt. Er ist Winzer und macht leckere Weine und Sekte in seiner Sektkellerei von Canal in Winningen. Irgendwann während unseres Gespräches sagte er zu mir: „Ich lese Wein und meine Frau liest Bücher“. „Okaaaay“, denke ich, „ich lese auch Bücher….. „. Schnell stellte sich aber heraus, dass Anne von Canal aus ihren eigenen Büchern liest. Das wiederum mache ich nicht. Denn wer will schon aus einem Kochbuch vorgelesen bekommen? Als ich dann ihren Roman in die Hände bekam, war ich begeistert. Ich hatte schon lange kein Buch mehr gelesen, das so gut lesbar und unterhaltsam und gleichzeitig so psychologisch hintergründig, vielschichtig  und wie ich  finde „literarisch wertvoll“ war. Denn im Gegesatz zum letzten Roman des renommierten Literaten Martin Walser klingen die Sätze nicht nur gut, sie haben auch einen Inhalt. Einen Inhalt, den der Leser zudem noch verstehen kann.

Arbeitsplatz Anne von Canal

Wie ihre Hauptfigur kann auch die Autorin selbst so etwas wie zwei Leben vorweisen. Die sind allerdings von ihr selbst gewählt: Anne von Canal, die in Siegen geboren ist und in Freiburg studiert hat, war ursprünglich Lektorin bei großen Verlagen, und sie hat  Kriminalromane bekannter Autoren aus dem Schwedischen und Norwegischen ins Deutsche übersetzt. Zusammen mit ihrem Mann lebt sie auf dem Weingut in Winningen. Ein paar Straßen weiter hat sie ihr Büro in einer alten Villa. Dort schreibt sie mit Blick auf die Mosel. Aber auch Jahre nachdem sie an die Mosel gezogen ist, hat sie noch ein Standbein in Hamburg, wo sie zuletzt als Lektorin gearbeitet hat. Weil sie hin und wieder einfach ein bisschen  Großstadtluft atmen muss, sagt sie. Denn das Schreiben ist ein einsamer Job und Anne von Canal ist sehr kommunikativ. Sie ist ausgesprochen vielseitig interessiert, geistreich, offen und humorvoll, und sie liebt es, ausgefallene Motive und gerne auch verrostete Dinge zu fotografieren. Immer wieder bekommt sie Stipendien, die sie unter anderem nach Gotland führen.

Fotografin Anne von Canal

Die Buchhändler haben den Roman von Anne von Canal von Anfang an begeistert aufgenommen. Mehr als 10.000 Exemplare wurden verkauft, und inzwischen ist „Der Grund“ schon in anderen Sprachen erschienen. Lesungen haben Anne von Canal quer durch Deutschland geführt, deshalb kann sie das Buch inzwischen in und auswendig. Hier liest sie für meinemosel.info die Szene, in der die Hauptfigur des Romans, Laurits, darauf wartet bei der Aufnahmeprüfung für das Konservatorium vorspielen zu dürfen:

Neugierig geworden?  „Der Grund“ von Anne von Canal ist als Hardcover im Mare Verlag erschienen. Seit Februar gibt es ihn auch als Taschenbuch bei rororo. Beide Ausgaben haben dasselbe grellgrüne Cover, das ich ausgesprochen gelungen finde. Ein Eyecatcher – das Buch sticht zwischen allen anderen im Buchladen klar hervor. Und das Hörbuch sieht ganz genauso aus. Der Schauspieler Heikko Deutschmann, mit dem Anne von Canal gut befreundet ist, hat es gelesen. Eine Hörprobe gibt es auf der Seite von Lübbe Audio.

Bitte mehr davon

Seit einem halben Jahr schreibt Anne von Canal an einem neuen Roman. Worum es genau geht, verrät sie nicht. Ich weiß nur so viel, dass sie in die Arktis gefahren ist, wo sie eine Forschungsstation besucht hat um für das Buch zu recherchieren. Hier seht ihr sie, wie sie gerade das geeignete Outfit für ihren Trip anprobiert.

Anne von Canal im Arktisanzug

Mehr zu Anne von Canal auf ihrer  Homepage. Hier erfahrt ihr es auch, wenn der nächste Roman fertig ist.

 

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